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Warum ist Filmarbeit mit Heranwachsenden so wichtig? GIRLS GO MOVIE-Macherinnen verraten, wieso Filmarbeit mehr Platz in der Schule braucht

Warum ist Filmarbeit mit Heranwachsenden so wichtig? Gründe, warum Filmarbeit mehr Platz in der Schule braucht

Wie funktioniert kreative Filmarbeit mit Mädchen und warum ist bei Filmprojekten mit Mädchen ein geschützter Raum wichtig? Darüber sprachen wir mit GIRLS GO MOVIE-Projektleiterin Dr. Kathrin Lämmle und Medienpädagogin Kristin Lauer.

Was macht GIRLS GO MOVIE und was ist das Besondere daran?

Bereits seit 2004 veranstaltet GIRLS GO MOVIE unzählige Filmfestivals und Filmworkshops speziell für Mädchen. Bereits ab zwölf Jahren können Mädchen bei GIRLS GO MOVIE mitmachen und in kleinen Gruppen ihre Filmideen zum Leben erwecken. Unterstützt werden sie dabei von professionellen Mentorinnen, die ihnen bei der Ideenentwicklung, beim Dreh und beim Schnitt zur Seite stehen. Die Teilnahme bei GIRLS GO MOVIE war bei einigen Teilnehmerinnen der Grundstein für ihre Berufslaufbahn in der Filmbranche: Ehemalige Teilnehmerinnen arbeiten heute beim SWR oder bei Filmproduktionen oder studierten an der Filmhochschule Ludwigsburg oder in Babelsberg. Darüber, dass ehemalige Teilnehmerinnen heutzutage selbst als Mentorinnen tätig sind, freuen sich die GIRLS GO MOVIE-Macherinnen meisten.

Warum ist Filmarbeit so wichtig?

Film ist eine der bedeutendsten kulturellen Ausdrucks- und Aneignungsformen der Gegenwart. In Filmen werden politische, gesellschaftliche oder wirtschaftliche Entwicklungen verarbeitet und wiedergegeben. Gleichzeitig erfahren Kinobesucher oder Netflix-Konsumenten mehr über die Gegenwart und „eignen sich diese an“. Genau dieses „Aneignen“, „Lesen“, Interpretieren von Filmen – und dadurch die Welt besser verstehen – wird einem nicht in die Wiege gelegt. Diese Fähigkeit entwickelt sich – genau wie die Lesekompetenz – durch filmische Erfahrungen.

Filme selbst zu produzieren ist ein elementarer Baustein der Filmlesefähigkeit. Mit anderen Worten: Wer Filme macht, kann Filme verstehen. Ein paar Beispiele: Wer selbst einen Film dreht, erfährt mehr über die Wirkung von Beleuchtung oder Schnitt und wie dadurch ein bestimmter Eindruck erweckt werden kann. Wer auf dem Filmset für die Audio-Aufnahmen verantwortlich ist, versteht die Bedeutung der Tonspur, von Soundeffekten und Hintergrundmusik. Jemand, der selbst vor der Kamera steht, erlebt, wie wichtig gute Dialoge sind und wie schwer der schauspielerische Beruf ist.

Welche konkreten Erfahrungen machen die Teilnehmerinnen bei den Filmworkshops?

Bei GIRLS GO MOVIE dürfen die Teilnehmerinnen ausprobieren, was ihnen am meisten Spaß macht: vor der Kamera, hinter der Kamera, die Regie, die Tonaufnahme etc. Kristen Lauer macht immer wieder die Erfahrung, dass schüchterne Jugendliche hinter der Kamera bleiben, während expressive vor die Kamera wollen. Eine der häufigsten Vorurteile – dass jeder schauspielern kann und dass es einfach sei – wird bei den Filmworkshops schnell widerlegt. Die Jugendlichen merken, dass Schauspiel sehr anspruchsvoll ist. Eine Szene muss bis zu 15-mal geprobt werden und bis zu fünfmal gedreht werden. Einen guten Dialog zu schauspielern, so dass er nicht gestellt klingt, wird zur Geduldsprobe. Wie stark Ton die Wahrnehmung eines Filmes beeinflusst und wie wenig das Bild, wird hierbei ganz praktisch vermittelt.

Beim Dreh müssen die Teilnehmerinnen selbst Regieanweisungen geben und abwarten, Kameraeinstellungen prüfen, verbessern und eine Szene ggf. wiederholen. Dadurch werden Teamfähigkeit, Geduld und Disziplin spielerisch vermittelt. Im Laufe des Drehs wächst die Frustrationstoleranz: Die Teilnehmerinnen schrauben ihre Erwartungen an einen Hochglanz-Clip herunter, während sie gleichzeitig verstehen, dass Qualität mit einem hohen Arbeitsaufwand verbunden ist und erst durch das Wiederholen entsteht.

Was verarbeiten die Teilnehmerinnen mit ihren Filmideen?

Bei der Filmarbeit drücken Jugendliche gewollt oder unbeabsichtigt aus, was sie beschäftigt und was sie für Wünsche haben. Die Filme enthalten konkrete Handlungsanweisungen, wie wir Erwachsene auf ihre Probleme reagieren sollen. Insbesondere Medienpädagoginnen und -pädagogen, Lehrkräfte oder auch Politikerinnen und Politiker bekommen durch die Filme einen Einblick, welche Themen die Heranwachsenden beschäftigen – und welche Lösungen sie vorschlagen. Während der Corona-Pandemie beobachteten Kristin Lauer und Dr. Kathrin Lämmle vor allem das Thema „Zukunftsangst“ unter den Beiträgen. Vor sechs Jahren inmitten der Flüchtlingskrise beschäftigten sich die Filme mit Integration, Flucht und Fremdheit.

Wie stark wirken sich Sehgewohnheiten der Teilnehmerinnen auf ihre eigenen Filme aus?

TikTok, YouTube oder Instagram verändern die Sehgewohnheiten der Teilnehmerinnen: weg von der filmischen Narration hin zu Clips mit schnellen Schnitten, weg vom Hochglanz-Look des Fernsehens hin zum authentischen YouTuber-Look, weg von einem makellosen Film-Look hin zu Effekt-überladenen Kurzvideos. Die mediale Lebenswelt der Teilnehmerinnen beeinflusst, wie sie ihre Filme drehen, schneiden und vertonen. Dr. Kathrin Lämmle und Kristin Lauer erleben in den Einreichungen zum GIRLS GO MOVIE-Wettbewerb, dass die Mädchen das produzieren, was sie konsumieren.

Tipps für angehende Medienpädagogen und -pädagoginnen

In fast zehn Jahren als Mentorin für Filmprojekte mit Mädchen konnte Kristin Lauer einen großen Erfahrungsschatz sammeln. Ihre wichtigste Erkenntnis lautet, dass die Mädchen so selbstständig wie möglich arbeiten können und so wenig wie möglich technisch oder konzeptionell eingegriffen werden soll. Wo sie früher noch selbst zur Kamera gegriffen hat, wenn was schiefläuft, lässt sie heutzutage die Teilnehmerinnen selbst Lösungen finden. Den eigenen filmischen Anspruch runterzufahren und stattdessen als Coach die Teilnehmerinnen bei ihren Ideen und Ausführungen zu unterstützen, ist laut Kristin Lauer deutlich zielführender als ständig korrigierend einzuschreiten.

Besonders während des kreativen Prozesses des Drehbuch-Schreibens lässt Kristin Lauer den Mädchen den größten Freiraum – und auch die meiste Zeit. Von insgesamt fünf Workshoptagen widmet sie allein zwei Tage der Drehbuchentwicklung. Der Dreh, die Vertonung und der Schnitt dauern jeweils ein Arbeitstag.  

Der geschützte Raum, bei dem die Mädchen „unter sich“ sind und keine Noten vergeben werden, trägt dazu bei, dass konzentriert gearbeitet werden kann und ein Zugehörigkeitsgefühl entsteht. Dafür ist auch das Vorbild der Mentorinnen entscheidend, die gleichzeitig vermitteln wollen, was die Mädchen schaffen können und wie man dabei authentisch bleibt.         

GIRLS GO MOVIE ist ein Kurzfilmfestival mit umfangreichen Filmcoaching-Angeboten für Mädchen und Frauen im Alter von zwölf bis 27 Jahren, die aus Baden-Württemberg, Rheinland-Pfalz und aus Hessen stammen oder hier leben. GIRLS GO MOVIE bietet filmbegeisterten Mädchen und Frauen vielfältige professionelle Unterstützung, um ihre Visionen und Geschichten in die Welt zu tragen.

Veranstaltende sind die Stadt Mannheim, Fachbereich Kinder, Jugend und Familie / Jugendamt & Gesundheitsamt / Jugendförderung sowie der Stadtjugendring Mannheim / Jugendkulturzentrum forum! Gefördert wird das Festival durch die Stadt Mannheim.

Hauptfördernde sind die Landesanstalt für Kommunikation BW mit der Initiative Kindermedienland Baden-Württemberg, die SAP, das Kulturamt Mannheim, die Stiftung Medienkompetenz Forum Südwest sowie die MFG Filmförderung Baden-Württemberg.

Weiterführende Informationen

Über den Autor

Christian Reinhold ist seit über 10 Jahren Redakteur der Initiative Kindermedienland. Privat fotografiert er leidenschaftlich gern und spielt Gitarre.